Plädoyer für ein Leben in Wahrheit

Boualem Sansals Selbstverständnis als Autor


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Was heißt das für Europa, für Deutschland? Boualem Sansal ermuntert nicht nur seine Landsleute zum Dialog. In zahlreichen Beiträgen in Tageszeitungen, Interviews und natürlich in seinen Werken klagt er eine Auseinandersetzung Europas mit den maghrebinischen Staaten ein. Er fordert ein Umdenken in der Integrationspolitik, sonst bleiben die Vorstädte der europäischen Metropolen weiterhin Brutstätten für die totalitären Bestrebungen der Islamisten. Der Westen mit seinen rein ökonomischen Interessen an Algerien verstärkt die Isolation der kritischen Bürger und Intellektuellen.

Foto: Gallimard

Wenn Autoren wie Sansal ihre eigenen Landsleute nicht mehr erreichen können und der Westen sich nicht um sie kümmert, haben die Machthaber ihr Ziel erreicht.  Boualem Sansal, zu einem Empfang mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy eingeladen, zeigte sich maßlos enttäuscht: "Ich war zusammen mit dem Bischof von Algier und drei anderen Vertretern der Zivilgesellschaft zu einem Abendessen eingeladen. Sarkozy ist gekommen, er hat uns begrüßt, dann haben wir uns hingesetzt – und er hat seinen alten Freund und Reisebegleiter, den Sänger Didier Barbelivian, aufgefordert, Gitarre zu spielen und zu singen. Der Präsident hat auch gesungen. Der Präsident hat auch gesungen? Ja, auch er hat gesungen. Zwischendurch hat ein anderer Begleiter, der Komiker Smain, Witze gemacht. So ging das den ganzen Abend lang: Lieder und Witze. Keine Fragen, keine Diskussion." (Interview mit Jacqueline Hénard in der FAZ) Dagegen stehen Erfahrungen, die Boaulem Sansal auf zahlreichen Lesungen und Diskussionen auch in Deutschland machen konnte: Lebhafte, offene Diskussionen, lange nach dem Ende der Veranstaltungen. Und nicht nur den Journalisten Tomas Fitzel hat die Begegnung mit Boualem Sansal verändert:
"Man besucht eine Veranstaltung ... dann geht man nach Hause und fühlt sich irgendwie reicher, nicht nur um das Buch, das nun in der Tasche steckt und das man sofort in der S-Bahn zu lesen beginnt, nein man fühlt sich äußerst angeregt und inspiriert  oder besser beseelt ... Boualem Sansal schlug einen sofort in den Bann. Dem Moderator erging es offenbar damit nicht anders, aber von Sansals gelöster Heiterkeit, die fast schon etwas Unirdisches hatte, sowie seinem ironischen Humor, der sich entgegen der grausamen Wirklichkeit Algeriens behaupten kann, ging etwas Strahlendes aus, das man nur schwer beschreiben kann." (rbb)

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